Aktualisiert am 5. Februar 2026
Der Lehrkräftemangel an beruflichen Schulen wird in einem aktuellen Diskurs zur dualen Ausbildung durch den Status quo sehr präzise beschrieben: steigender Lehrkräftemangel, strukturelle Überlastung, wachsende Risiken für Ausbildungsqualität. Doch viele Beiträge bleiben an einer entscheidenden Stelle stehen. Sie benennen die Symptome, nicht die Ursachen oder Verantwortlichkeiten und schon gar nicht Lösungen.
Gerade beim Lehrkräftemangel an beruflichen Schulen ist diese Leerstelle problematisch. Denn hier entscheidet sich nicht nur die Zukunft der beruflichen Bildung, sondern ganz konkret die Fachkräftesicherung in zentralen Wirtschaftsbereichen, allen voran in der Bauwirtschaft.
Genau hier liegt das blinde Zentrum der aktuellen Fachkräftedebatte. Wer über Fachkräftemangel spricht, ohne die beruflichen Schulen systematisch mitzudenken, argumentiert unvollständig. Wer Ausbildungszahlen analysiert, aber die Personalsituation der Lehrkräfte ausklammert, beschreibt Symptome statt Ursachen. Und wer Transformation fordert, ohne die Bildungsinfrastruktur zu sichern, verschiebt Verantwortung in die Zukunft.
Lehrkräftemangel an beruflichen Schulen: Ein strukturelles, kein temporäres Problem
Der Lehrkräftemangel an beruflichen Schulen ist kein kurzfristiger Engpass, der sich mit Übergangslösungen beheben lässt. Er ist das Ergebnis jahrelanger struktureller Vernachlässigung, fehlender gesellschaftlicher Sichtbarkeit und politischer Fehlanreize.
Dieser Mangel ist nicht zufällig entstanden. Er ist politisch produziert worden. Durch jahrelange Unterfinanzierung, durch fehlende strategische Steuerung und durch eine Zuständigkeitslogik, in der Verantwortung verteilt, aber nicht getragen wird. Bund, Länder, Kammern und Wirtschaft profitieren vom dualen System, doch niemand fühlt sich vollumfänglich zuständig, seine tragende Säule langfristig zu sichern.
Diese Logik ist übrigens kein Einzelfall der beruflichen Bildung. Ähnliche Widersprüche sehen wir auch an Hochschulen. Dort, wo Innovation gefordert wird, aber Mittel und Infrastruktur wegbrechen. Wer am Bildungsfundament spart, bremst Transformation auf allen Ebenen. Mehr im Beitrag Hochschulen unter Druck: Kürzungen bremsen digitale Transformation.
Während über Fachkräftemangel in Betrieben intensiv diskutiert wird, bleibt die Rolle der beruflichen Schulen häufig unscharf. Sie erscheinen als Durchführungsorte und nicht als strategische Akteure. Genau das ist auch ein Teil des Problems.
Berufliche Bildung ohne berufliche Schulen? Eine gefährliche Verkürzung
Wenn heute über berufliche Bildung gesprochen wird, geschieht das erstaunlich oft ohne expliziten Bezug auf berufliche Schulen. Dabei sind sie das Rückgrat des dualen Systems. Sie sichern Qualität, ermöglichen Durchlässigkeit, gleichen Bildungsbiografien aus und bieten vielen jungen Menschen überhaupt erst eine reale Bildungschance. Und es geht längst nicht nur um mehr Unterricht, sondern um anderen Unterricht. Denn mit Digitalisierung und Nachhaltigkeitsdruck steigen die Anforderungen an Kompetenzen. Stichwort sind hier u.a. die Future Skills.
Von daher stehen berufliche Schulen vor der Aufgabe, technologische, ökologische und organisatorische Veränderungen didaktisch zu übersetzen. Digitale Werkzeuge, nachhaltige Bauweisen, neue Planungslogiken oder automatisierte Prozesse lassen sich nicht einfach “mitunterrichten”. Sie erfordern neue didaktische Konzepte, kontinuierliche Weiterqualifizierung und Zeit für pädagogische Entwicklung. Ohne ausreichend qualifizierte Lehrkräfte wird Transformation nicht vermittelt, sondern nur behauptet.
Diese Zusammenhänge wirken direkt auf den Lehrkräftemangel an beruflichen Schulen zurück. Denn Attraktivität entsteht nicht allein durch Bezahlung, sondern durch gesellschaftliche Anerkennung, Gestaltungsspielräume und Wirksamkeit.
Wer berufliche Schulen im Diskurs ausblendet, darf sich über Nachwuchsprobleme im Lehramt nicht wundern.
Ein Systemfehler im Berufsbildungsgesetz
Ein zentraler, aber selten offen benannter Punkt ist die rechtliche Rolle beruflicher Schulen. Das Berufsbildungsgesetz begrenzt ihren Einfluss erheblich: vorbereiten, begleiten, prüfen – ja. Mitentscheiden, gestalten, steuern – nein.
Für angehende Lehrkräfte ist das ein Signal. Verantwortung ohne Entscheidungsmacht wirkt nicht attraktiv, sondern frustrierend. Gerade in Zeiten wachsender Bedeutung beruflicher Bildung ist diese strukturelle Beschränkung ein klarer Attraktivitätsnachteil und damit auch ein Treiber des Lehrkräftemangels an beruflichen Schulen.
Verantwortung ohne Entscheidungsmacht ist kein Qualitätsmerkmal, sondern ein Attraktivitätskiller. Wer gestalten soll, aber strukturell nicht mitgestalten darf, verliert langfristig Motivation. Genau dieses Missverhältnis schreckt potenzielle Nachwuchslehrkräfte ab und verstärkt den Lehrkräftemangel an beruflichen Schulen zusätzlich.
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WeiterlesenLehrkräfte als Lückenfüller? Ein Angriff auf das duale System
Besonders kritisch ist eine Praxis, die den Lehrkräftemangel weiter verschärft. Lehrkräfte aus berufsbildenden Schulen werden zunehmend eingesetzt, um Engpässe an allgemeinbildenden Schulen auszugleichen.
Unabhängig von unterschiedlichen pädagogischen und didaktischen Anforderungen ist das ein systemischer Fehler. Denn damit wird dem dualen Ausbildungssystem gezielt Personal entzogen. Wer so handelt, stabilisiert kurzfristig eine Schulform und destabilisiert langfristig die berufliche Bildung.
Diese Praxis ist kein neutraler Notbehelf, sondern eine Form systemischer Selbstschwächung. Das duale System wird personell ausgezehrt, um kurzfristige Probleme an anderer Stelle zu kompensieren. Wer Lehrkräfte aus der beruflichen Bildung abzieht, gefährdet genau das System, das Fachkräfte hervorbringt.
Hier sind auch Kammern und Unternehmen in der Verantwortung. Wer Fachkräfte fordert, muss das System schützen, das sie hervorbringt.
Bauwirtschaft: Lehrkräftemangel an beruflichen Schulen als Transformationsbremse
Für die Bauwirtschaft hat der Lehrkräftemangel an beruflichen Schulen eine besondere Tragweite. Digitalisierung, Nachhaltigkeit, neue Bauverfahren, BIM, automatisierte Prozesse. All diese Entwicklungen benötigen qualifizierte Fachkräfte. Und diese entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern in Ausbildung und beruflicher Bildung.
Berufsbildende Schulen sind der Ort, an dem Transformation übersetzt wird, und zwar in Kompetenzen, Handlungssicherheit und berufliche Identität. Genau hier wird sichtbar, warum der Lehrkräftemangel an beruflichen Schulen mehr ist als eine Personalfrage. Die Bauwirtschaft steckt mitten in der Twin Transition und ohne Qualifizierungssystem kippt der Doppelwandel von Strategie zu Symbolik. Und das hat mehrere Konsequenzen:
- Ohne ausreichend qualifizierte Lehrkräfte bleibt jede Innovationsstrategie mehr abstrakt als real.
- Ohne leistungsfähige berufliche Schulen bleibt Transformation ein Strategiepapier ohne Aussicht auf Umsetzung.
Das beutet, Digitalisierung und Nachhaltigkeit entfalten ihre Wirkung nicht durch Ankündigungen, sondern durch Qualifizierung. Wenn diese Qualifizierung personell nicht abgesichert ist, kippt die Twin Transition von einem realen Wandel zu symbolischer Politik.
Der Fachkräftemangel im Bauwesen und der Lehrkräftemangel an beruflichen Schulen dürfen deshalb nicht getrennt betrachtet werden. Sie sind zwei Seiten ein und derselben Medaille.
Und nun?
Der aktuelle Diskurs zeigt, dass wir sehr genau wissen, dass es einen Lehrkräftemangel an beruflichen Schulen gibt. Was jedoch fehlt, ist der Schritt von der Diagnose zur Veränderung.
Berufliche Schulen müssen:
- gesellschaftlich sichtbarer werden,
- strukturell aufgewertet werden,
- echte Mitgestaltungsmöglichkeiten erhalten,
- und vor kurzfristigen Kompensationslogiken geschützt werden.
Solange berufliche Bildung als nachgelagerter Kostenfaktor behandelt wird, bleibt der Lehrkräftemangel verwaltbar aber nicht lösbar. Erst wenn berufliche Schulen als das begriffen werden, was sie sind, und zwar ein zentraler Produktionsfaktor unserer Wirtschaft und strategischer Teil der Fachkräftesicherung , wird sich sich der Handlungsrahmen verändern.
Das bedeutet: rechtliche Aufwertung, gesellschaftliche Sichbarkeit, verlässliche Personalausstattung, Schutz vor kurzfristigen Kompensationslogiken und echte Mitgestaltungsmöglichkeiten im Ausbildungssystem.
Nicht der Mangel ist das größte Problem. Sondern die Art und Weise, wie er bislang akzeptiert wird.
Schlagwörter: Lehrkräftemangel, berufliche Schulen, duale Ausbildung, Fachkräftesicherung, Bauwirtschaft, Berufsbildungsgesetz, Transformation, Future Skills, berufliche Bildung, Digitalisierung im Bauwesen
Diesen Beitrag zitieren: Karl, C. [Christian K. Karl]. (2026). Lehrkräftemangel an beruflichen Schulen: Das blinde Zentrum der Fachkräftedebatte [Journal-Beitrag]. 02.02.2026. BauVolution, ISSN 2942-9145.online verfügbar
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Der Lehrkräftemangel an beruflichen Schulen führt zu Unterrichtsausfall, erhöhter Belastung für bestehende Lehrkräfte und sinkender Ausbildungsqualität. Besonders betroffen sind technische Fachrichtungen wie die Bautechnik, in denen qualifizierte Lehrkräfte schwer zu gewinnen sind.
Der Lehrkräftemangel an beruflichen Schulen ist strukturell, weil er durch langfristige Faktoren entsteht: geringe gesellschaftliche Sichtbarkeit, begrenzte Mitgestaltungsmöglichkeiten im System der beruflichen Bildung und eine wachsende Konkurrenz um Fachkräfte aus der Wirtschaft.
Das Berufsbildungsgesetz begrenzt die Mitentscheidungsrechte beruflicher Schulen. Lehrkräfte dürfen vorbereiten und prüfen, aber nicht gleichberechtigt mitgestalten. Diese eingeschränkte Rolle mindert die Attraktivität des beruflichen Lehramts und verschärft den Lehrkräftemangel an beruflichen Schulen.
Die Bauwirtschaft ist auf gut ausgebildete Fachkräfte angewiesen. Der Lehrkräftemangel an beruflichen Schulen bremst die Vermittlung von Kompetenzen zu Digitalisierung, BIM, Nachhaltigkeit und neuen Bauverfahren und wirkt damit direkt auf die Fachkräftesicherung im Bauwesen.
Um den Lehrkräftemangel an beruflichen Schulen zu reduzieren, braucht es mehr gesellschaftliche Anerkennung, bessere strukturelle Rahmenbedingungen, echte Mitgestaltungsmöglichkeiten sowie einen Schutz beruflicher Schulen vor der Abwanderung von Lehrkräften in andere Schulformen.

Dr.-Ing. Christian K. Karl ist Bauingenieur, Fachdidaktiker und Experte für die digitale Transformation in der Bau- und Immobilienwirtschaft. Er leitet die Fachdidaktik Bautechnik an der Universität Duisburg-Essen und forscht zu BIM, Künstlicher Intelligenz, Future Skills und Resilienzbildung in der Bau- und Einsatzpraxis. Zudem ist er Vorsitzender des Richtliniengremius VDI/bS 2552 Blatt 8 zur BIM-Qualifizierung. Neben seiner akademischen Tätigkeit engagiert er sich ehrenamtlich in der DLRG sowie als Berater und Coach für digitale Transformationsprozesse. Auf BauVolution.de verbindet er wissenschaftliche Expertise mit praxisnahen Einblicken. Abseits der Forschung ist er Familienvater, Filmenthusiast, Taucher, Fallschirmspringer und Motorsport-Fan.
BauVolution bezeichnet die strukturelle Transformation der Bau- und Immobilienwirtschaft zu einem daten- und modellbasierten sozio-technischen System.
Der Begriff wurde von Dr.-Ing. Christian K. Karl geprägt und erstmals auf BauVolution.de systematisch beschrieben.
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