Aktualisiert am 11. Januar 2026
Der Begriff Homo Syntheticus zeigt mir ganz deutlich, dass wir mitten in einer Zeitenwende stehen, aber sie ist leiser, als man denkt. Künstliche Intelligenz, Robotik und digitale Systeme verändern nicht nur, was wir tun, sondern wer wir sind. Ich wollte darüber mit jemandem sprechen, der diesen Wandel seit Jahren erforscht und zugleich mit Begeisterung, Humor und Klarheit darüber spricht.
In seinem neuen Buch Homo Syntheticus beschreibt Zukunftsforscher Dr. Mario Herger den Beginn einer neuen Ära, in der Menschen und Maschinen zunehmend verschmelzen, und zwar technologisch, kulturell und ethisch.
Mich fasziniert, wie eng technologische und menschliche Entwicklung miteinander verknüpft sind. In meiner aktuellen Forschung zu KI und Resilienz geht es vor allem um die Co-Evolution von Mensch und Maschine: Wie gestalten wir Technologien, die uns nicht ersetzen, sondern erweitern? Beziehungsweise, wie gestaltet Technologie uns? Darüber habe ich mit Mario gesprochen – über Zukunft, Ethik, Bildung und unsere gebaute Umwelt.
Meine Leitfrage ist heute: Wie verändern intelligente Maschinen nicht nur unsere Arbeit, sondern unser Verständnis vom Menschsein und was entsteht daraus?
CK: Lieber Mario, wir kennen uns seit mehr als zehn Jahren. Bevor wir über dein neues Buch Homo Syntheticus sprechen, stell dich doch bitte kurz den Leserinnen und Lesern vor. Wer ist Mario Herger und was treibt dich an?
MH: Ich lebe seit 24 Jahren in der San Francisco Bay Area, dem „Silicon Valley”. Ursprünglich stamme ich aus Wien, wo ich an der TU und WU Wien studiert habe. 1998 begann ich bei SAP in Walldorf als Entwickler, zog 2001 nach USA um dort bei SAP Labs in Palo Alto als Entwicklungsleiter und später als Innovationsstratege die neuesten Entwicklungen aus dem SV [Anm. d. R. Silicon Valley] zu beobachten. Seit 2013 bin ich Technologietrend- und Zukunftsforscher, wie auch als Autor von Büchern zu solchen Technologietrends, aber auch dem Innovationsmindset, selbständig und trete als Keynote Speaker und Organisator von Delegationsreisen im Silicon Valley auf.
In meiner Arbeit trete ich als Übersetzer zwischen dem Mindset hier und dem in Europa auf, um zu zeigen, welche Auswirkungen diese neue Technologien auf unsere Gesellschaft, die Politik und die Wirtschaft haben. Als Ingenieur bin ich Technologie eher optimistisch gegenüber eingestellt, und überzeugt, dass sie uns Menschen bessergestellt hat und mehr Mensch sein erlaubt. Das heißt nicht, dass ich die durch Technologie und deren Anwendung geschaffenen Probleme ignoriere, aber ich denke, dass Technologien mit guten Richtlinien der Menschheit zugute kommen.
CK: Du sagst, Silicon Valley ist Europas Zukunft und genau das haben wir gemeinsam 2023 in San Francisco im Cruise-Robotaxi gespürt. Mich hat das sehr bewegt. Was hat dich daran am meisten beeindruckt und was sagt diese Erfahrung über den Weg zum Homo Syntheticus?
MH: Du hast die Zukunft erlebt. Unsere Vergangenheit (im Silicon Valley) ist eure Zukunft (in Europa). Die erste Fahrt in einem fahrerlosen Robotertaxi in den Straßen von San Francisco unterwegs zu sein prägt für viele das Selbstverständnis. Es ist eines dieser Erlebnisse, die man sich bis ans Lebensende merken wird. Es war lange ein Traum der Menschheit, autonom agierende Maschinen zu haben, die uns transportieren oder uns monotone und gefährliche Arbeiten abnehmen. Schon die alten Griechen hatten in ihren Legenden Geschichten von künstlichen Wesen, wie den Bronzeriesen Thalos, die von Pygmalion geschaffene und von den Göttern zum Leben erweckten Marmorstatue, oder auch Pandora. In jüngster Vergangenheit kennen wir den Golem, Frankenstein, den schwarzen Ritter oder eben den Terminator.
Hintergrund ist immer der Wunsch, Helferlein zu haben, die uns ein bequemes Leben ermöglichen, eines, das nicht vom ständigen Kampf gegen Hunger, Kälte oder Armut geprägt ist. In den letzten paar hundert Jahren schufen wir Maschinen, die uns einen Wohlstand und eine Lebensdauer gebracht haben, die vor 500 Jahren oder selbst vor 100 Jahren für viele undenkbar gewesen war. Um 1700 hat das Gros der Bevölkerung nicht besser gelebt als die alten Römer. Heute hingegen muss niemand hungern, wir leben doppelt so lange wie noch um 1900 und wir haben Zugang zu Produkten, die vor einem halben Jahrhundert noch als Luxus galten.
Doch jetzt ändert sich noch einmal etwas Fundamentales. Wir haben zum ersten Mal Maschinen, die sich autonom in unserer Welt bewegen und Aufgaben erledigen können, die bislang Menschen machen mussten. Autonome Autos fahren sicherer und gelten bereits als Durchbruch für die öffentliche Gesundheit, weil sie Unfallszahlen und damit auch Tote und Verletzte um mehr als 90% reduzieren. Und dank der Entwicklungen von künstlicher Intelligenz erleben nun die humanoiden Roboter den Durchbruch. In 10 Jahren werden die meisten von uns einen solchen als Helferlein im eigenen Haushalt haben. Wir stehen vor einer technologischen Zeitenwende, die uns Menschen vom Joch der Arbeit befreien wird.
CK: Wenn autonome Systeme uns nicht nur fahren, sondern Aufgaben übernehmen ist das genau das, was du in Homo Syntheticus beschreibst: dass künstliche Intelligenz sichtbar, spürbar, körperlich wird. Maschinen, die nicht nur rechnen, sondern sich im Raum bewegen, mit uns interagieren und vielleicht bald neben uns leben. Du sprichst in Deinem Buch von einer neuen Evolutionsstufe. Wie kamst du zu dieser These und wo siehst du heute die Grenzen zwischen Mensch und Maschine?
MH: Am Anfang von Innovation steht immer die Intersektion von Entwicklungen aus unterschiedlichen Bereichen. Die Fortschritte bei Elektroautos, die die Batterieentwicklung beschleunigte, die plötzliche Omnipräsenz von künstlicher Intelligenz, wie auch die Datenmengen, neuen Arten von Prozessoren und Sensoren, wie auch das Vertrautsein mit Smartphones und Apps kulminieren nun in humanoiden Roboter. Das hat schon die Entwicklung von autonomen Autos beeinflusst, doch solche autonomen Systeme nun statt auf vier Rädern auf Straßen nun auf zwei Beinen durch Gebäude zu schicken, ist nur eine natürliche Weiterentwicklung. Und hier kommen alle Teile zusammen. Sie beeinflussen und beschleunigen sich gegenseitig.
Dass humanoide Roboter in den Bereich des technisch Möglichen geraten, überrascht damit nicht mehr. Für die Recherche zu meinem Buch habe ich um die 130 Unternehmen gefunden, die heute bereits etwa 160 humanoide Roboter im Portfolio haben, und dabei sind mir vermutlich mehr als 100 weitere Firmen durch die Finger gerutscht. Ideen liegen in der Luft. Technologie will entdeckt werden. Wie schon bei der Glühlampe galt, war Thomas Edison nur einer von fast 30 anderen Erfindern, die zur selben Zeit eine funktionierende Glühlampe im Labor hatten. Als die Wright-Brüder den ersten flugtüchtigen Aeroplan vorstellten, nahmen nur ein Jahr später zwei Dutzend Piloten mit ebenso vielen eigenentwickelten Flugzeugen am ersten Flugwettbewerb in Reims teil.
Hinzu kommt, dass Fachkräftemangel und der demographische Wandel mit sinkenden Geburtenraten und einer immer stärker überalteten Bevölkerung Lösungen benötigt. Es gibt keinen Ausweg als Technologien wie diese zu entwickeln, wenn wir unseren Wohlstand halten und vergrößern wollen.
CK: Bei diesem Thema spreche ich immer von einer Co-Evolution zwischen Mensch und Maschine. Es geht nicht darum, dass Technologie uns ersetzt, sondern dass sie uns erweitert, und zwar in Wahrnehmung, Entscheidungen und Verantwortung. Was ich mich frage, sind wir bereit für diese neue Symbiose? Was denkst Du?
MH: Wir sind bereits in dieser Symbiose. Wer skeptisch ist und diese Entwicklungen als unnatürlich empfindet, dem sei gesagt, dass nichts von dem, was wir konsumieren oder was uns umgibt natürlich ist. Wir sind bereits mittendrin im Transhumanismus. Alle Lebensmittel, die wir zu uns nehmen, wurden über Jahrtausende von Menschen verändert. Sie wurden gezüchtet, kultiviert, verändert. Wir nehmen Medikamente zu uns, haben Impfungen in unserem Körper, tragen Kleidung um uns vor Wetterbedingungen zu schützen, setzen Brillen und Hörgeräte auf, ohne die wir tägliche Arbeiten nicht ausführen könnten, und selbst kognitive Erweiterungen wie ein Smartphone tragen wir ständig mit uns herum.
Ja es geht sogar darüber hinaus. Während wir als Menschen immer stärker mit Technologie eins werden, wird Technologie zunehmend organisch. Die Computergehirne von heute werden mit Organoiden versehen. Dabei werden biologische Gehirnzellen mit Siliziumchips vereint zu einer hybriden Wetware. Humanoide Roboter, die heute aus Plastik und Metall bestehen, erhalten künstliche Gewebe und vielleicht sogar neben dem hybriden Gehirn auch biologische Organe. Eine künstliche Haut auf einem Roboter hat viel mehr an Sensorik und Fähigkeiten, als wir es mit traditionellen Sensoren zustande bringen.
Was wir hier erleben ist der Wandel des Menschen zum Transhumanen, und der Maschinen vom Roboter zum Transroboter. Wir schaffen hier künstliches Leben – anders, als wir uns das vorgestellt haben. Aber mit einer Maschine mit Wetware und künstlichem Gewebe, und einer KI die Bewusstsein entwickelt hat und Gefühle hat und Emotionen zeigen und interpretieren kann, stellen sich für uns Menschen rasch einige wichtige ethische, theologische, moralische, und auch rechtliche Fragen.
Werden wir damit weniger Mensch? Sicherlich nicht. Eine Technologie, die uns vom Joch der Arbeit befreit, erlaubt uns mehr Zeit mit anderen Menschen und Aufgaben zu verbringen, die unsere menschliche Einzigartigkeit hervorbringt. Fragen wir mal Menschen von 2000 Jahren, die den Großteil ihrer Zeit damit verbrachten, Essen zu besorgen, den Unterschlupf zu flicken, oder sich gegen Gefahren zu wehren. Wie viel Mensch konnten die sein, wenn sie prekär lebten? Den Luxus, sich kreativ zu betätigen, sich zu entspannen, zu reisen, oder über die großen philosophischen Fragen zu diskutieren, wie derjenigen, ob Technologie uns schadet oder hilft, während wir in unseren auf eine wohlbehagliche Temperatur regulierten Heim bei gutem Licht und einem Gläschen Wein sitzen, diesen Luxus hatte der überwiegende Teil der Menschen selbst vor noch einem Jahrhundert nicht.
CK: Ich sehe, Du gehst einen Schritt weiter: Wetware, künstliches Gewebe und möglicherweise KI mit Bewusstsein und Emotionen. Welche Fragen müssten wir denn klären, bevor solche Systeme „normal” werden?
MH: Da gibt es nicht wirklich etwas zu klären. Haben wir das geklärt, als die Glühbirne kam, oder der Computer oder die KI? Sie kam, wurde diskutiert, und Leute haben es einfach verwendet. Die Diskussionen, die da immer stattfinden, passieren parallel, während die Technologie bereits im Einsatz ist. Und dann ist sie bereits normal.
Auch ist es absurd zu glauben, wenn wir es uns hart durchdenken, bevor es die Technologie gibt, dass wir sie voll erfassen und entsprechend gute Entscheidungen treffen können, wie wir sie zu behandeln haben. Erst wenn eine Technologie da ist und sehen, wie sie verwendet wird, kriegen wir ein besseres Verständnis. Selbst Steve Jobs konnte nicht vorhersehen, wie wir das iPhone einsetzen werden und welche Konsequenzen das hat. Was er damals bei der Vorstellung zeigte – Telefonanruf, Zeitung lesen, Bilder ansehen, einen Kontakt löschen – sieht heute lahm aus, wenn wir uns ansehen, was Leute damit machen: Tik Tok, Uber, Fitness, Tinder, Navigation, Videogames und so weiter.
CK: Kommen wir zur gebauten Umwelt. Gebäude, Infrastrukturen und ganze Städte werden zu lernenden Systemen mit digitalen Zwillingen, adaptiver Sensorik und automatisierter Entscheidungslogik. Sozusagen Smart & Connected Communities. Werden wir in Zukunft buchstäblich „mit unseren Städten leben”? Oder müssen wir Stadt als solche auch umdenken, um gemeinsam mit der Technologie wachsen zu können?
MH: Wir sehen bereits heute, wie ein Umdenken geschieht. Städte, die in den vergangenen Jahrzehnten auf das Automobil ausgelegt und verändert wurden, werden heute Radfahr- und Fußgängerfreundlich gestaltet. Behindertengerechte und inklusive Bauvorschriften haben Städte und Gebäude auch für alle anderen positiv verändert. Autonome Autos zwingen uns wieder zum Umdenken. Brauchen wir noch Ampeln, Schilder und überhaupt so viele Privat-PKWs, die die Stadt verparken und Straßen für sich exklusiv beanspruchen und alle anderen Verkehrsteilnehmer und Anwohner verdrängen? Sehen wir uns Fotos von 1900 an, dann sehen wir spielende Kinder mitten auf den Straßen. Kommen wir mit Robotaxis dorthin wieder zurück? Können wir den öffentlichen Raum dem Automobil abringen und Menschen zurückgeben?
Humanoide Roboter sind da nur der nächste logische Schritt, sie stellen nämlich eine neue Form der Mobilität dar. Kleine Liefer- und Botendienste, die heute ein zwei Tonnen schweres Auto vornimmt, besorgt dann ein 60 Kilogramm schwerer Roboter, der viel weniger Platz benötigt. Nach dem behindertengerechten Bauen werden wir wohl auch robotergerecht bauen müssen. Erinnern wir uns, wie um 1900 gewohnt wurde. Kein Strom, kein fließendes Wasser, keine Toiletten, kein Internet, keine Waschmaschinen, keine Badezimmer oder Duschen, kein Aufzug, keine Parkgarage. Neue Technologien haben Anpassungen an Gebäuden erzwungen, die für uns heute selbstverständlich scheinen und ohne die wir niemals eine solche Wohnung als Unterkunft in Betracht ziehen würden. Humanoide Roboter sind nur ein logischer Schritt in dieser Entwicklung.
CK: Du stellst eine sehr spannende Frage: Brauchen wir mit Robotaxis überhaupt noch Ampeln und so viele Privat-PKWs? Aus Deiner Sicht, welche konkrete Veränderung würdest du zuerst in einer Stadt umsetzen, wenn autonome Mobilität Standard wird?
MH: Etwas, das wir heute schon machen könnten, wäre Privat-PKWs endlich den echten Preis zu verrechnen, den sie kosten. Heute subventionieren wir öffentliche Parkplätze. Umgerechnet auf das, was wir für Mieten zahlen, fördern wir den PKW-Besitz. Mit autonomen Autos und den niedrigen Preisen eines solchen Sharingsystems werden wir direkt sehen, wie absurd es ist ein Auto zu besitzen.
CK: In meiner aktuellen Forschung beschäftige ich mich mit dem Konzept der Human-Centered Resilience. Mich interessiert, wie wir in einer Welt voller Unsicherheit, von Klimarisiken bis KI, lernen können, nicht schneller zu reagieren, sondern tiefer zu verstehen. Mario, du beobachtest technologische Entwicklungen seit vielen Jahren. Erleben wir gerade eine neue Ausprägung dieser Resilienz, oder sehen wir im Kern etwas, das den Menschen schon immer ausgezeichnet hat?
MH: Ich denke nicht, dass wir als Menschen jetzt erst Resilienz lernen. Dem Mensch als einzige Spezies ist es gelungen jedes Habitat auf dem Planeten und darüber hinaus zu besiedeln. Unsere Fähigkeit, dass wir uns nicht so sehr durch unseren Körper, sondern mehr durch unsere Intelligenz auf Änderungen zu reagieren und Technologien zu entwickeln, damit zurecht zu kommen, zeigt diese Resilienz. Das ist eine der menschlichen Superkräfte.
Neben den bisher vor allem physischen Technologien haben wir kognitive Technologien über die Sprache, Schrift oder Buch hinaus entwickelt, die wir in unseren immer komplexeren Gesellschaften mit immer komplexeren Herausforderungen auch dringend benötigen. Und das ist die künstliche Intelligenz. Diese ersetzt menschliche Intelligenz nicht, sie ergänzt uns. Sie ist nämlich anders, auch wenn wir Anleihen von der menschlichen Intelligenz genommen haben. Auch ist eine interessante Erkenntnis, dass wir mit jeder Technologie auch uns als Mensch besser verstehen. Was sind und warum haben wir Gefühle, Emotionen, oder Bewusstsein? Brauchen unsere Technologien diese auch und wie genau funktionieren sie? Jede Technologie zwingt uns sozusagen, konkreter zu werden, was den Menschen ausmacht. Und eine Erkenntnis ist sicherlich, dass der Mensch auch ein Homo Technologicus ist. Technologien zu erfinden und anzuwenden ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft.
CK: Wenn KI eine kognitive Technologie ist, die uns ergänzt, interessiert mich vor allem, welche Fähigkeiten wir als Gesellschaft am dringendsten entwickeln müssen und wie Bildung darauf reagieren sollte.
MH: Wir müssten lernen gute und schöne Fragen zu stellen. Seit Google und erst recht mit KI sind Antworten billig. Aber irgendjemand muss Fragen stellen, und das macht die KI nicht. Allerdings sind nicht alle Fragen schön. Eine schöne Frage zeichnet sich dadurch aus, dass sie im ersten Moment nicht beantwortet werden kann, dass sobald wir sie hören die Antwort wissen wollen, sie weitere Fragen aufwirft, sich am Rande des Bekannten und Unbekannten bewegt, sie neue Disziplinen entstehen lässt und so weiter. Eine solche Frage war diejenige, die Albert Einstein gestellt hat: „Wie sähe es aus, wenn ich auf einem Lichtstrahl reite?“ Hundert Jahre nachdem er sie formuliert hat, forschen wir immer noch daran in seither neuen Disziplinen, die neue interessante Fragen aufgeworfen haben und deren Antworten uns immer noch erstaunen.
Und das lernen wir eigentlich nicht. Wir lernen Antworten zu geben, Anleitungen zu folgen, aber nicht, wie man auf schöne Fragen kommt und den Status Quo hinterfragt.
CK: Zum Ausblick: In Homo Syntheticus entwirfst du eine Vision, in der Menschen und Maschinen verschmelzen. Was macht dich für die nächsten zehn Jahre hoffnungsvoll? Und was bereitet Dir Sorgen?
MH: Wenn Mensch und Maschine verschmelzen, so wie ich das bereits kurz mit den Transhumanismus und Transrobotismus angedeutet habe, dann bedeutet das nicht nur eine Erweiterung unserer physischen und kognitiven Funktionen, sondern gesünderes und längeres Leben, wie auch neue Fähigkeiten, die uns erlauben, unsere Wirklichkeit erweitert zu erleben. Wir können damit das Magnetfeld der Erde selbst fühlen, oder direkten Zugriff auf das Wissen und Können der Welt haben, ohne dass wir erst mit einem Smartphone herumhantieren müssen.
Auch die Spillover-Effekte dürfen nicht unterschätzt werden. Personen mit amputierten Gliedmaßen werden massiv von den humanoiden Robotern profitieren. Sie werden Zugang zu viel fähigeren und billigeren Prothesen haben, es werden vielleicht einige der Behinderungen mit diesen Technologien komplett überkommen können.
Mir machen zwei Dinge Sorgen: Einerseits der Einsatz dieser Technologien für negative Zwecke, wie Einsatz von Humanoiden als Soldaten. Andererseits, dass die Menschen sich nicht mitgenommen und diese Technologien als Bedrohung fühlen. Die Rahmenbedingungen müssen von den Unternehmen, den Regulatoren und der Gesellschaft geschaffen werden, dass es dazu nicht kommt.
CK: Wenn du es auf eine Leitplanke reduzieren müsstest: Welche Regel sollte für den Einsatz humanoider Systeme gelten, damit Akzeptanz entsteht und Missbrauch begrenzt wird?
MH: Die eine Leitplanke gibt es nicht, denn die Umstände führen zu den ethischen Dilemmata, mit denen sich Philosophen gerne herumschlagen und die in jeder Kultur anders betrachtet werden. Wenn ich es probieren würde, dann würde ich eine vorschlagen, die ein Verhalten fördert, das nach dem Tod eines Menschen und einer künstlichen Lebensform die Verbliebenen positiv an sie denken lässt und es wirklich als Verlust für alle sehen.
CK: Fortschritt liegt also weniger in der Technologie selbst, sondern in unserer Fähigkeit, sie menschlich zu gestalten, also empathisch, kreativ und verantwortungsvoll. Die Zukunft ist kein Entweder-Oder zwischen Mensch und Maschine, sondern ein gemeinsamer Lernprozess, wenn wir ihn gestalten. Und vielleicht liegt unsere größte Aufgabe nicht darin, immer intelligentere Maschinen zu schaffen, sondern Institutionen und Kultur, die mit ihnen verantwortungsvoll umgehen.
MH: Das werden wir wohl nicht schaffen, und die Pandemie hat uns das vor Augen geführt. Wir haben bereits seit 200 Jahren Impfungen, doch um 1900 gab es im deutschen Sprachraum Impfgegnervereine mit mehr als 20.000 Mitgliedern. Sind wir mehr als 120 Jahre später klüger geworden? Nein, Impfgegner und -leugner gibt es nach wie vor zuhauf. Aktuell ist sogar einer Chef der amerikanischen Gesundheitsbehörde. Ich sehe da schwarz. Die Technologie wird immer besser und klüger, der Mensch bleibt gleich dämlich.
CK: Homo Syntheticus macht für mich deutlich, dass sich die Zukunft weniger an den Fähigkeiten von Maschinen entscheidet, sondern an der Ambivalenz des Menschen selbst – zwischen Fortschritt und Beharrung, Vernunft und Angst. Vielleicht ist genau diese Spannung der Raum, in dem sich entscheidet, wie bewusst und verantwortungsvoll wir mit Technologie leben.
Ich danke dir herzlich für deine Zeit und dafür, dass du deine Perspektiven mit uns geteilt hast. Es war mir eine Freude, mit dir zu sprechen.
MH: Danke für die Einladung und das Interesse an diesen Themen.
Mehr zu meinem Gesprächspartner Dr. Mario Herger finden Sie auf seiner Webseite oder auf LinkedIn.
Das Buch “Homo Syntheticus – Wie Mensch und Maschine verschmelzen”
Noch mehr fundierte Gespräche zur digitalen Transformation finden Sie in der Beitragsserie Im Dialog – Stimmen zur digitalen Transformation in der Bauwirtschaft.
Lesen Sie den umfassenden Überblick zum Thema Zukunftstechnologien im Bauwesen.
Schlagwörter: Homo Syntheticus, Mario Herger, Co-Evolution, Zukunftsforschung, digitale Transformation, künstliche Intelligenz, humanoide Roboter, KI und Gesellschaft, Mensch-Maschine-Interaktion, KI und Resilienz
Diesen Beitrag zitieren: Karl, C. [Christian K. Karl]. (2025). Im Dialog: Dr. Mario Herger über Homo Syntheticus, Co-Evolution und die Zukunft von Mensch und Maschine [Blog-Beitrag]. 07.01.2025. BauVolution, ISSN 2942-9145.online verfügbar
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