Aktualisiert am 8. Dezember 2025
Die Twin Transition im Bauwesen rückt zunehmend in den Mittelpunkt gesellschaftlicher und politischer Debatten. Ich war letzten Monat als wissenschaftlicher Experte zur Zukunftskonferenz NRW eingeladen; konkret in eine Arbeitsgruppe, die sich intensiv mit dieser doppelten Transformation aus Digitalisierung und Nachhaltigkeit beschäftigte.
Im Anschluss daran wurde ich aus meinem privaten Umfeld mehrfach gefragt: „Was genau ist eigentlich Twin Transition?”
Eine Frage, die sich viele stellen dürften und die zeigt, dass dieses Konzept zwar in verschiedenen Kontexten diskutiert wird, aber selten wirklich verständlich erklärt wird.
Für mich ist die Twin Transition weit mehr als ein Trendbegriff. Sie beschreibt einen grundlegenden Wandel unserer Gesellschaft und das insbesondere in der Bau- und Immobilienwirtschaft. Und weil dieses Thema so zentral für die Zukunft unserer gebauten Umwelt ist, habe ich mich entschlossen, diesen Beitrag zu schreiben. Nicht, weil ich zu bequem wäre, es im Einzelgespräch zu erklären, sondern weil es sich lohnt, den Blick zu weiten und die Zusammenhänge einmal systematisch offenzulegen. Und ob sie es glauben oder nicht, ich habe in verschiedenen Beiträgen bereits dazu was geschrieben, aber noch in keinem Beitrag den breiteren Bogen gespannt und diesen Begriff eingeführt.
Dieser Beitrag gibt Ihnen jetzt einen Überblick und zeigt, wie Sie die Twin Transition im Bauwesen praktisch gestalten können.
Warum die Twin Transition relevant ist
Die Bau- und Immobilienwirtschaft steht heute unter massivem Druck: Klimaneutralität, Ressourcenknappheit, steigende Anforderungen an Komfort und Sicherheit, Fachkräftemangel und Kostendruck treffen gleichzeitig auf eine Branche, die ohnehin schon komplex ist. Parallel dazu schreitet die digitale Transformation voran, beispielsweis durch die Building Information Modeling (BIM) Methode über digitale Zwillinge bis hin zu KI-gestützter Planung und Robotik auf der Baustelle.
Hier setzt die Twin Transition an: Sie verbindet beide Entwicklungen zu einer strategischen Leitidee, die nicht nur beschreibt, was sich verändert, sondern auch wie dieser Wandel gestaltet werden kann.
Doch was bedeutet das konkret für Planerinnen und Planer, Ausführende, Betreiberinnen und Betreiber sowie die vielen Beteiligten im Ökosystem Bau? Und vor allem: Wie lässt sich dieser Doppelwandel nutzen, statt ihm hinterherzulaufen?
Was bedeutet Twin Transition genau?
Unter Twin Transition versteht man die gleichzeitige und miteinander verknüpfte Transformation in zwei Dimensionen:
- Digitale Transformation: Der Einsatz von Daten, Software, KI, Automatisierung und Vernetzung, um Prozesse, Produkte und Geschäftsmodelle neu zu denken.
- Grüne bzw. nachhaltige Transformation: Die Ausrichtung von Wirtschaft und Gesellschaft auf Klimaschutz, Ressourceneffizienz, Kreislaufwirtschaft und soziale Nachhaltigkeit.
Statt beide Entwicklungen getrennt zu betrachten, setzt die Twin Transition darauf, Synergien zwischen digital und grün systematisch zu nutzen. Digitale Technologien sollen gezielt eingesetzt werden, um Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Gleichzeitig sollen Nachhaltigkeitsziele verhindern, dass Digitalisierung beliebig oder destruktiv wirkt, z.B. durch steigenden Energieverbrauch, Rebound-Effekte oder digitale Exklusion (European Commission, 2022).
Schauen wir uns die aktuelle Landschaft an, so werden zwei Punkte besonders betont:
- Die Twin Transition ist kein Buzzword, sondern eine strategische Antwort auf die europäischen Zielsetzungen wie beispielsweise Green Deal, Digitalstrategie, Klimaneutralität bis 2050 (Diodato et al., 2023)
- Die Twin Transition funktioniert nur, wenn der Einsatz digitaler Technologien konsequent auf nachhaltige Wirkung hin ausgerichtet wird, d.h. „Digitalisierung für Nachhaltigkeit” statt „Digitalisierung um der Digitalisierung willen” (Tabares, 2025)
Für die Bauwirtschaft bedeutet das:
Digitale Werkzeuge werden zum Hebel, um CO₂-Emissionen zu senken, Ressourcen zu schonen und gleichzeitig Produktivität und Qualität zu steigern.
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WeiterlesenPolitischer Rahmen: Green Deal, Digitalstrategie und Renovation Wave
Die Twin Transition ist eng eingebettet in den europäischen Politikrahmen. Drei Bausteine sind dabei besonders zentral:
Europäischer Green Deal
Der Europäische Green Deal verfolgt das Ziel, die EU bis 2050 klimaneutral zu machen. Dazu gehören u.a. Maßnahmen zur Dekarbonisierung der Industrie, zur Förderung der Kreislaufwirtschaft und zur Reduktion von Emissionen im Gebäudebestand (European Commission, 2020a).
Dabei spielen Gebäude eine Schlüsselrolle, denn sie verursachen rund 40 % des Energieverbrauchs und etwa 36 % der CO₂-Emissionen in der EU (Details siehe International Copper Association, 2021).
EU-Digitalstrategie und Data-Governance
Parallel dazu verfolgt die EU eine Digitalstrategie, die auf Datenökonomie, Künstliche INtelligenz, interoperable Plattformen und faire Wettbewerbsbedingungen setzt. Neue Regelwerke wie der Data Act und der Data Governance Act sollen den Zugang zu und die Nutzung von Daten sektorenübergreifend sichern und regulieren (European Commission, 2022). Mehr dazu finden Sie neispielsweise bei der Fraunhofer Twin Transition Series.
Damit entsteht ein groß gedachter Rahmen für:
- digitale Zwillinge von Gebäuden und Infrastrukturen
- datenbasierte Energie- und Ressourcensteuerung
- neue datengetriebene Geschäftsmodelle im Bauwesen
Renovation Wave und Transition Pathway Construction
Mit der Renovation Wave will die EU bis 2030 rund 35 Millionen Gebäude energetisch sanieren und die Renovierungsrate mindestens verdoppeln. Ziel ist eine deutliche Reduktion des Energieverbrauchs und der Emissionen im Gebäudesektor (European Commission, 2020b; ; Hwang et al., 2025; International Copper Association, 2021).
Parallel dazu wurde für den Bausektor ein eigener Transition Pathway for Construction veröffentlicht (zum Dokument selbst als PDF zum direkten Download). Er beschreibt Maßnahmen, wie die Branche grüner, digitaler und resilienter werden kann. Von der Baustoffproduktion über Planung und Bauausführung bis hin zum Gebäudebetrieb (European Commission, 2023; World Green Building Council, 2023).
Diese Initiativen zeigen:
Die Twin Transition ist politisch gesetzt und die Bauwirtschaft ist dabei einer der wichtigsten Hebel.
Warum die Bauwirtschaft im Zentrum der Twin Transition steht
Die Bau- und Immobilienwirtschaft ist aus mehreren Gründen ein zentraler Schauplatz der Twin Transition:
Hohe Klima- und Ressourcenwirkung: Wie bereits oben erwähnt verursachen Bauwerke große Teile des Energieverbrauchs und der CO₂-Emissionen. Baustoffe wie Zement und Stahl sind energieintensiv. Ein Großteil des Materialverbrauchs in Europa entfällt deshalb auf die Bauwirtschaft.
Langer Lebenszyklus von Bauwerken: Entscheidungen, die heute in Entwurf, Materialwahl und Gebäudetechnik getroffen werden, wirken oft über Jahrzehnte. Fehler in der Planung multiplizieren sich über den Lebenszyklus.
Fragmentierte Wertschöpfungskette: Viele kleine und mittlere Unternehmen, zahlreiche Schnittstellen, hohe Koordinationskosten. Das alles ist idealer Nährboden für Ineffizienzen, aber auch für digitale Lösungen.
Hoher Fachkräftebedarf und sich ändernde Kompetenzprofile: Die Twin Transition verändert im Bauwesen die Arbeitsorganisation, Qualifikationsanforderungen und damit auch die Aus- und Weiterbildung im Bauwesen.
Großes Innovationspotenzial durch Kombination von Tech & Bau: BIM, digitale Zwillinge, IoT, Robotik und auch AR/VR gekoppelt mit Energie- und Klimastrategien eröffnen neue Formen des Planens, Bauens und Betreibens. Insofern ist die Twin Transition im Bauwesen eine systemisch gekoppelte Aufgabe.
Kurz gesagt:
Wenn die Twin Transition irgendwo messbare Wirkung entfalten kann, dann im Bauwesen.
Weitere zentrale Entwicklungen und Treiber, die die Branche aktuell prägen, habe ich bereits kompakt in meinem Beitrag Bau- & Immobilienwirtschaft: 24 Tipps für 2024 zusammengefasst.
Wie Digitalisierung die Nachhaltigkeit in der Twin Transition im Bauwesen möglich macht
Die erste Hälfte der Twin Transition lautet: Digitalisierung. Aber wie genau unterstützt sie Nachhaltigkeit gerade im Bauwesen?
Daten, Sensorik und Transparenz
Ohne Daten keine Steuerung. Ohne Stuereung keine Optimierung. Digitale Technologien ermöglichen es, Energieflüsse, Materialströme und Nutzerverhalten transparent zu machen:
- Sensorik für Energieverbrauch, Temperatur, Luftqualität und Raumbelegung und Raumnutzung
- Smart Metering und Building Automation
- Monitoring von Baustellenprozessen (Lärm, Emissionen, Maschinenlaufzeiten etc.)
Damit wird Nachhaltigkeit unmittelbar messbar, und zwar nicht nur im Betrieb, sondern zunehmend auch in der Planungs- und Ausführungsphase. Damit erhalten digitale Monitoring- und Reporting-Systeme eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung von Klimazielen spielen.
BIM und Digitale Zwillinge
Building Information Modeling (BIM) und Digitale Zwillinge sind zentrale Enabler der Twin Transition im Bauwesen:
- Digitale Gebäudemodelle bündeln geometrische und alphanumerische Informationen.
- Digitale Zwillinge verknüpfen diese Modelle mit Echtzeitdaten aus Betrieb und Umgebung.
- So lassen sich Energie, Komfort und Wartung kontinuierlich optimieren.
In der „Twin Transition in der gebauten Umwelt” werden digitale Zwillinge mit klimabezogenen Zielen (z.B. EU Green Deal) verschränkt, um Dekarbonisierungspfad und Betriebseffizienz zu verbinden (Paiho et al., 2023).
Beispiele dafür sind:
- digitale Erfassung des Bestands (Scan-to-BIM, Drohnen, 3D-Modelle)
- simulationsgestützte Variantenuntersuchung für Energie- und Sanierungskonzepte
- Lebenszyklusanalyse (LCA) auf Basis von Daten aus dem digitalen Gebäudemodell
- Verknüpfung von BIM-Daten mit IoT-Daten zur laufenden Optimierung (z.B. Regelstrategien in der Gebäudeautomation)
- Entwicklung von Smart Buildings und ganzen smarten Quartieren
Künstliche Intelligenz, Simulation und Predictive Maintenance
Die Künstliche Intelligenz (KI) und datenbasierte Simulationen eröffnen weitere Möglichkeiten, Nachhaltigkeit zu planen und zu steuern:
- Im Last- und Energiemanagement optimieren KI-Algorithmen Heizungs-, Lüftungs- und Kälteanlagen in Echtzeit.
- Wartung erfolgt im Sinne der Predictive Maintenance zustandsorientiert und reduzieret damit Ausfälle und verlängert die Betriebsdauer von Anlagen.
- Datenbasierte Priorisierung von Maßnahmen (z.B. nach CO₂-Einsparung pro Euro).
- Algorithmen helfen bei der Design- und Entwurfsoptimierung in dem sie eine Vielzahl von Varianten hinsichtlich Energie, Komfort und Materialverbrauch generieren und bewerten.
Die digitale Transformation in der Twin Transition kann in industriellen Organisationen vor allem dann Wirkung entfalten, wenn sie in klare Transformationsstrategien eingebettet ist und nicht nur als Insellösung eingeführt wird (Tabares, 2025).
Digitale Plattformen und Kreislaufwirtschaft für die Twin Transition im Bauwesen
Wie bereits bei den Punkten zuvor ersichtlich wird, sind Daten ein zentraler Punkt in der Twin Transition. Eine echte Kreislaufbauwirtschaft braucht deshalb digitale Grundlagen, um die Vielzahl an Daten handhaben zu können:
- Daten in Materialpässen dokumentieren Herkunft, Eigenschaften und Wiederverwendbarkeit von Baustoffen.
- Digitale Marktplätze für wiederverwendbare Bauteile verbinden Angebot und Nachfrage.
- Digitale Plattformen zum steuern von gekoppelten Energieflüssen, beispielsweise erneuerbaren Energien, Speicher und E-Mobilität.
- Rückbauplanung (Design for Deconstruction) nutzt Daten aus dem digitalen Gebäudemodell, um Materialien sortenrein demontieren zu können.
Im Kontext der „Green and Digital Transition” des Bausektors ist gerade die Verbindung von Digitalisierung und Circular Economy der maßgebende Enabler, um Emissionen über den ganzen Lebenszyklus zu senken und Ressourcen im Kreislauf zu halten (European Commission, 2023; World Green Building Council, 2023; European Commission, 2022).
Damit gilt:
Ohne Digitalisierung bleibt Nachhaltigkeit oft im Bereich guter Absichten. Mit Digitalisierung kann Nachhaltigkeit zum steuerbaren Systemziel werden.
Wie Nachhaltigkeit die Digitalisierung in der Twin Transition im Bauwesen rahmt
Die zweite Hälfte der Twin Transition im Bauwesen lautet: Nachhaltigkeit. Sie ist nicht nur Begleitmusik, sondern zentraler Gestaltungsrahmen der Digitalisierung.
Von „Tech for Tech” zu „Tech for Sustainability”
Eine zentrale Kritik an vielen Digitalisierungsprojekten ist oftmals, dass sie mehr auf Effizienz, Automatisierung und Kostensenkung fokussieren ohne ökologische oder soziale Ziele klar mitzudenken.
Die Twin Transition dreht diese Logik um, vor allem im Bauwesen:
- Ausgangspunkt sind klare Nachhaltigkeitsziele (CO₂-Reduktion, Ressourceneffizienz, soziale Teilhabe).
- Darauf aufbauend wird entschieden, welche digitalen Technologien wirklich notwendig und sinnvoll sind und welche nicht.
Auch der EU-Politik ist im Kontext der Twin Transition aufgefallen, dass der digitale Wandel erhebliche Rebound-Effekte erzeugt, z.B. mehr Datenverkehr, mehr Energieverbrauch in Rechenzentren (Kovacic et al., 2024). Gerade aus diesem Grund ist die Betrachtung der Nachhaltigkeit im Rahmen der Twin Transition im Bauwesen ein Aspekt, der unbedingt mitgedacht werden muss.
ESG, Berichtspflichten und Taxonomie
ESG steht für die drei Säulen der Nachhaltigkeit: Umwelt (Environmental), Soziales (Social) und Unternehmensführung (Governance). Damit einhergehend sorgen Regelungen wie die CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive), die EU-Taxonomie und sektorspezifische Vorgaben (z.B. EPBD für Gebäude) dafür, dass Nachhaltigkeit berichtspflichtig wird.
Die Folgen sind zum Beispiel:
- Unternehmen brauchen verlässliche Daten zu Energie, Emissionen und Ressourcen.
- Ein verpflichtendes Reporting verlangt konsistente, auditierbare Informationsketten über den Lebenszyklus.
Das führt praktisch dazu, dass Digitalisierung nicht mehr optional ist, sondern Voraussetzung, um Nachhaltigkeitsanforderungen gerade in der Bau- und Immobilienwirtschaft überhaupt erfüllen zu können.
Gerechtigkeit und „Just Twin Transition”
Nach Angaben der Bertelsmann Stiftung (2022, 2023) kann die Twin Transition je nach politischer Gestaltung gesellschaftliche Ungleichheiten verstärken oder abmildern. Hochinnovative Regionen und Großstädte profitieren womöglich schneller von digitalen und grünen Technologien, während strukturschwache Regionen zurückfallen könnten.
Das Konzept der Just Transition fordert deshalb:
- faire Verteilung von Kosten und Nutzen der Transformation
- Qualifizierung und Umschulung für Beschäftigte, z.B. Weiterbildung in digitalen Tools (BIM, Datenanalyse, Automatisierung) wie auch Schulung in Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft
- Beteiligung der betroffenen Akteurinnen und Akteure
Für die Twin Transition im Bauwesen heißt das konkret, dass nachhaltige, digitale Projekte sozial eingebettet sein müssen. Beispielsweise durch faire Arbeitsbedingungen, Beteiligung des Handwerkers, lokale Wertschöpfung und transparente Kommunikation mit Nutzerinnen und Nutzern (Voïta, 2025).
Chancen der Twin Transition für Unternehmen im Bauwesen
Richtig gestaltet, ist die Twin Transition im Bauwesen kein zusätzlicher Klotz am Bein, sondern eine strategische Chance.
Produktivitäts- und Effizienzgewinne
- bessere Koordination durch digitale Werkzeuge
- weniger Fehler, Nachträge und Gewährleistungsfälle
- geringere Energie- und Betriebskosten über den Lebenszyklus
- optimierte Baustellenlogistik und Ressourceneinsatz
Neue Geschäftsmodelle
- Energie- und Gebäudedienstleistungen statt einmaligem Bauprojekt
- Performance-basierte Verträge (z.B. garantierte Energieeffizienz)
- Datengetriebene Services (Monitoring, Optimierung, Wartung)
- Plattformmodelle für Materialkreisläufe und Sanierungsplanung
Employer Branding und Fachkräftebindung
Jüngere Fachkräfte, ob Ingenieurinnen, Informatiker, Technikerinnen oder Handwerker, erwarten zunehmend, dass Arbeitgeber:
- sinnstiftend arbeiten (z.B. Klimaschutz, Ressourcenschonung),
- moderne digitale Tools einsetzen und
- Möglichkeiten zur Weiterbildung in digitalen und nachhaltigkeitsbezogenen Themen bieten.
Gem. Giesemann (2024) verbessern Unternehmen, die die Twin Transition aktiv gestalten ihre Attraktivität als Arbeitgeber und ziehen damit eher junge Fachkräfte an.
Future Skills: Welche Kompetenzen für die Twin Transition im Bauwesen wichtig werden
Die Twin Transition im Bauwesen ist kein rein technisches Thema, sie ist auch eine Kompetenzfrage. Berichte zur Zukunft der Arbeit in der Twin Transition betonen, dass die Kombination aus digitalen, ökologischen und sozialen Kompetenzen elementar sein wird, um die Transformation erfolgreich zu gestalten (Giesemann, 2024; Bertelsmann Stiftung, 2023). Zu den Futire Skills habe ich bereits im Beitrag Future Skills im Bauwesen: Kompetenzen für die digitale Zukunft ausführlich geschrieben. Im hier vorliegenden Kontext sind besonders die folgenden Future Skills für Fach- und Führungskräfte im Bauwesen relevant:
Systemisches Denken
Verstehen, wie
- digitale,
- ökologische,
- ökonomische und
- soziale Aspekte
zusammenhängen und zwar vom Baustoff bis zur Stadt.
Datenkompetenz
- Daten bewerten, einordnen und nutzen können
- Datenqualität und -ethik verstehen
- Schnittstellen zur IT überbrücken
Digitale Fachkompetenzen
- BIM, CDE (Common Data Environment)
- digitale Zwillinge
- Grundverständnis von KI und Automatisierung
Nachhaltigkeitskompetenz
- Klimaziele, ESG, Taxonomie und Berichtspflichten einordnen
- Grundlagen von Lebenszyklusbetrachtung (LCA, LCC)
- Prinzipien zirkulären Bauens verstehen
Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit
Twin Transition ist Teamarbeit – zwischen
- Gewerken,
- Disziplinen und
- Organisationen.
Veränderungs- und Lernbereitschaft
Technologien, Normen und Rahmenbedingungen ändern sich dynamisch.
Das bedeutet, kontinuierliches Lernen muss zum Normalfall werden.
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1. Ausgangslage analysieren
- Wo stehen Sie in Sachen Digitalisierung (BIM, Daten, Prozesse, Tools)?
- Wo stehen Sie in Sachen Nachhaltigkeit (CO₂-Bilanz, Energie, Materialien, ESG)?
- Welche Projekte, Daten und Erfahrungen liegen bereits vor?
2. Gemeinsames Zielbild entwickeln
- Welche Rolle soll Ihr Unternehmen in der Twin Transition spielen?
- Welche Kundengruppen (z.B. öffentliche Auftraggeber, Wohnungswirtschaft, Industrie) erwarten was?
- Welche Wettbewerbsvorteile wollen Sie aufbauen (z.B. kreislaufgerechtes Bauen, energieeffiziente Sanierung, smarte Quartiere)?
3. Relevante Use Cases definieren
Wählen Sie konkrete Anwendungsfälle, die:
- einen klaren Bezug zu Nachhaltigkeitszielen haben (z.B. CO₂-Reduktion, Ressourceneffizienz, Nutzerkomfort)
- durch digitale Technologien sinnvoll unterstützt werden können (BIM, Sensorik, Plattformen, KI).
Beispiele:
- BIM-basierte Sanierungsplanung
- digital unterstützte Baustellenlogistik zur Emissionsreduktion
- Materialpässe und Rückbaukonzepte
4. Daten- und Toolstrategie klären
- Welche Daten brauchen Sie für Ihre Use Cases?
- Wo entstehen diese Daten (Planung, Baustelle, Betrieb)?
- Welche Werkzeuge (Software, Plattformen, Schnittstellen) werden benötigt?
- Wie stellen Sie Interoperabilität sicher?
5. Kompetenzen aufbauen und Rollen schärfen
- Identifizieren Sie Schlüsselrollen (z.B. BIM-Koordinatorin, Nachhaltigkeitsbeauftragter, Data Manager).
- Entwickeln Sie gezielte Weiterbildungsprogramme für Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
- Fördern Sie interdisziplinäre Teams, in denen Bau, IT und Nachhaltigkeit zusammenkommen.
6. Pilotprojekte umsetzen – und auswerten
- Starten Sie mit gut abgegrenzten Projekten, in denen Twin-Transition-Ansätze konkret ausprobiert werden.
- Definieren Sie klare Kennzahlen (z.B. eingesparte CO₂-Emissionen, reduzierte Nachträge, verkürzte Planungszeiten).
- Lernen Sie aus Erfolgen und Fehlern – und skalieren Sie funktionierende Ansätze.
7. Unternehmensweite Verankerung
- Übersetzen Sie erfolgreiche Pilotprojekte in Standards und Prozesse.
- Verankern Sie Twin Transition in der Unternehmensstrategie, z.B. über Leitbilder, Zielvereinbarungen und Investitionsentscheidungen.
- Kommunizieren Sie intern und extern transparent über Fortschritte, Herausforderungen und nächste Schritte.
Und nun?
Die Twin Transition im Bauwesen, also die doppelte Transformation aus Digitalisierung und Nachhaltigkeit, ist mehr als ein politischer Slogan. Sie beschreibt einen tiefgreifenden Strukturwandel, der die Bau- und Immobilienwirtschaft in den kommenden Jahren noch stärker prägen wird.
- Die digitale Seite liefert Werkzeuge und Methoden: Daten, BIM, digitale Zwillinge, KI, Plattformen.
- Die nachhaltige Seite liefert Orientierung: Klimaziele, Ressourceneffizienz, soziale Gerechtigkeit.
Erst in der Verbindung entsteht eine strategische Perspektive, die über „mehr Effizienz” hinausgeht und echte Zukunftsfähigkeit für die Gesellschaft und das Wohl der Menschheit schafft.
Für Unternehmen im Bauwesen bedeutet das:
- Wer die Twin Transition in der Bauwirtschaft aktiv gestaltet, positioniert sich als Lösungsanbieter für Klimaschutz, Ressourcenschonung und lebenswerte gebaute Umwelt.
- Wer abwartet, wird zunehmend von Regulierung, Kundenerwartungen und digitalen Wettbewerbern getrieben.
Sie stellen sich die Frage, ob nun sofort gehandelt werden muss? Nein, Sie müssen nicht alles auf einmal umkrempeln. Wichtiger ist eher, den ersten bewussten Schritt zu machen und zwar mit einem klaren Zielbild, konkreten Use Cases und dem Mut, aus Pilotprojekten zu lernen.
Quellenverzeichnis
Bertelsmann Stiftung. (2022). Green and digital transition challenge Europe’s cohesion. online verfügbar
Bertelsmann Stiftung. (2023). Technological capabilities and the twin transition in Europe. online verfügbar
Diodato, D., et al. (2023). Introduction to the special issue on “the twin (digital and green) transition and industrial change”. Industry and Innovation. online verfügbar
European Commission. (2020a). The European Green Deal. ESDN Report. online verfügbar
European Commission. (2020b). A Renovation Wave for Europe – greening our buildings, creating jobs, improving lives. online verfügbar
European Commission. (2022). The twin green & digital transition: How sustainable digital technologies could enable a carbon-neutral EU. online verfügbar
European Commission. (2023). Green and digital transition pathways of the construction ecosystem. online verfügbar
Eurofound. (2021). Living and working in Europe 2021. Publications Office of the European Union. online verfügbar
Giesemann, E. (2024). The future of work in the twin transition to green and digital. Bertelsmann Foundation North America. online verfügbar
Hwang, S. A., et al. (2025). Advancing energy renovations through digitalisation. Energy and Buildings. online verfügbar
International Copper Association. (2021). Benefits and enablers of deep energy renovation. online verfügbar
Kovacic, Z., et al. (2024). The twin green and digital transition: High-level policy or tech solutionism? Global Sustainability. online verfügbar
Paiho, S., et al. (2023). Twin transition in the built environment: Policy mixes and implementation. Energy Policy. online verfügbar
Tabares, S. (2025). Twin transition in industrial organizations. Technological Forecasting and Social Change. online verfügbar
Voïta, T. (2025). Building decarbonization and affordable housing: Promoting local skills and accelerating the Green Deal. Jacques Delors Institute. online verfügbar
World Green Building Council. (2023). The EU Construction Transition Pathway. online verfügbar
Schlagwörter: Twin Transition, Digitale Transformation Bauwesen, Nachhaltigkeit Bauwirtschaft, Green Deal Bauwirtschaft, Digitalisierung und Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft
Diesen Beitrag zitieren: Karl, C. [Christian K. Karl]. (2025). Twin Transition im Bauwesen: Wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit gemeinsam die Branche verändern [Blog-Beitrag]. 03.12.2025.BauVolution, ISSN 2942-9145.online verfügbar
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Die Twin Transition beschreibt die gleichzeitige digitale und nachhaltige Transformation der Bauwirtschaft. Digitale Technologien wie BIM, digitale Zwillinge, KI und Sensorik werden gezielt eingesetzt, um Nachhaltigkeitsziele wie CO₂-Reduktion, Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft zu erreichen.
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Dr.-Ing. Christian K. Karl ist Bauingenieur, Fachdidaktiker und Experte für die digitale Transformation in der Bau- und Immobilienwirtschaft. Er leitet die Fachdidaktik Bautechnik an der Universität Duisburg-Essen und forscht zu BIM, Künstlicher Intelligenz, Future Skills und Resilienzbildung in der Bau- und Einsatzpraxis. Zudem ist er Vorsitzender des Richtliniengremius VDI/bS 2552 Blatt 8 zur BIM-Qualifizierung. Neben seiner akademischen Tätigkeit engagiert er sich ehrenamtlich in der DLRG sowie als Berater und Coach für digitale Transformationsprozesse. Auf BauVolution.de verbindet er wissenschaftliche Expertise mit praxisnahen Einblicken. Abseits der Forschung ist er Familienvater, Filmenthusiast, Taucher, Fallschirmspringer und Motorsport-Fan.











