Im Dialog: Miguel Ebbers über BIM und Real-Time Daten

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In der Serie „Im Dialog“ spreche ich mit Expertinnen und Experten über spannende und innovative Themen aus der Bau- und Immobilienwirtschaft. Heute freue ich mich sehr, dass Miguel Ebbers sich die Zeit nimmt, um mit uns über die Themen BIM (Building Information Modeling) und Real-Time Daten zu sprechen.

CK: In einer Welt, in der die Grenzen zwischen Realität und digitaler Darstellung zunehmend verschwimmen, steht die Bau- und Immobilienwirtschaft an der Schwelle in ein neues Zeitalter. Heute beschäftigen wir uns mit dem Thema Building Information Modeling, kurz BIM, und real-time Daten. Dazu habe ich Herrn Miguel Ebbers als Experten eingeladen, der mit uns sein Wissen zu diesem hochspannenden Themenkomplex teilen wird. Miguel, kannst Du Dich bitte vorstellen und uns einen Einblick in Deinen beruflichen Hintergrund geben?

ME: Hallo Christian, gern. Als ich vor einem Vierteljahrhundert mit der Ausbildung zum Bauzeichner in die Bau- und Immobilienbranche eingestiegen bin, war BIM noch weit weg. Aber auch dort durfte ich weg von der Tusche erste digitale Schritte gehen, da Nemetschek Allplan bei meinem Arbeitgeber eingeführt wurde. Ich war damals natürlich noch sehr jung und habe das einfach ausprobiert und umgesetzt. Was mich aber rückblickend beeindruckt, dass meine Arbeitskolleginnen das damals sofort angenommen und umgesetzt haben. Keine Nörgeleien oder Ressentiments.

Heute sitze ich eher auf der anderen Seite und berate Bauherren, Bestandshalter, Corporates aber auch Bauunternehmen und Dienstleister bei der Digitalisierung. Das kann die Entwicklung von IT-Zielbildern sein, die Konzeption und BIM-Implementierung bis hin zum BIM-Management oder die Konzeption und Umsetzungsbegleitung von Smart Buildings.

CK: Vielen Dank! Ich wusste gar nicht, dass bei Dir auch Allplan der erste Kontaktpunkt war. Wie würdest Du den aktuellen Stand und die Entwicklung von BIM im Zusammenhang mit Real-Time Daten beschreiben? Welche Technologien spielen hierbei eine Schlüsselrolle?

ME: Bevor wir in die Technologien einsteigen, würde ich noch unterscheiden in BIM und Real-Time Daten auf der Baustelle und BIM und Real-Time Daten im Betrieb.

Bei BIM und Real-Time Daten auf der Baustelle spielt die Bilderfassung und KI eine gewaltige Rolle. Entweder kann man über Kameras die gesamte Baustelle erfassen und z.B. den Baufortschritt des Rohbau überwachen. Die Kameras bzw. Anwendung von Oculai unterstützt z.B. solche Prozesse. 

Für den Ausbau kann die Bilderfassung und KI von buildots helfen, den Fortschritt und auch die Arbeitsplanung zu tracken. Hier arbeitet man mit 360 Gradkameras auf dem Bauhelm zur Erfassung. Wie auch die niedrigschwelligeren und damit einfach umsetzbaren Angebote zur Bilderfassung von Oculo oder Openspace ist die Nutzung von 360 Gradkameras keine wirkliche Real-Time Erfassung, da die Erfassung i.d.R. einmal wöchentlich auf der Baustelle erfolgt. Hier würde ich den Rahmen aber nicht zu eng setzen.    

Wir haben auch schon einfach Funkthermometer mit Feuchtemessung in den Untergeschossen von Baustellen aufgehangen. Damit konnten wir genau bestimmen, wann z.B. die Estricharbeiten starten konnten bzw. Diskussion, ob der Estrich verlegt werden kann, objektivieren.

Im Feld der Baustellenlogistik haben wir auch schon Dinge ausprobiert und wollten z.B. technische Anlagen bis zum Einbauort verfolgen. Sicherlich spannend, aber bei dem Thema sind wir noch nicht richtig vorangekommen.

BIM und Real-Time Daten im Betrieb zielen auf die Betriebsoptimierung. Hier verschmelzen BIM und Smart Building Ansätze. Super spannend und für uns ein immer größer werdendes Thema. Im Endeffekt werten wir über die Sensorik verschiedenste Real-Time Daten aus Belegung von Räumen, CO2-Gehalt, Temperaturen, Anlagendaten und verknüpfen dies mit dem BIM-Modell und weiteren Analysen. Daraus können technische Umsetzungsmaßnahmen und -vorschläge folgen, oder sogar Empfehlungen zur “Aufgabe” von Flächen, da diese kaum genutzt werden.

CK: Vielen Dank für die ausführliche Darstellung und auch die Trennung zwischen Real-Time Daten im Bau und im Betrieb. Welche neuen Anwendungen und Technologien siehst Du am Horizont für BIM und Real-Time Daten? Insbesondere würde mich interessieren, ob Du spezifische Branchen oder Projekte siehst, die besonders profitieren könnten?

ME: Ich denke, dass das Thema Bilderfassung am Anfang steht und Baustellen in naher Zukunft komplett erfasst und darüber qualitätsgesichert werden. Zudem wird die gesamte Baustellenlogistik im Zusammenspiel mit der Bilderfassung und intelligenten Anwendungen, also KI automatisiert. Hier würden die Bauausführenden im Zusammenspiel mit der Projektsteuerung stark profitieren.

Die Verwendung von Real-Time Daten im Betrieb kommt neben dem Facility Management natürlich auch den Nutzern der Fläche zu Gute. Er kann platt gesagt sehen, ob und wo seine Flächen überhaupt genutzt werden und wie die Qualitäten sind z.B. die Temperatur in den Räumen.

CK: Die Nutzung und Optimierung von Flächen ist in der Tat ein immer relevanter werdendes Problem. Gerade bei großen Unternehmen und Organisationen wie beispielsweise meiner Universität bekommen wir das nahezu tagtäglich zu spüren. Blicken wir mal von der Gegenwart in die Zukunft. Hast Du ein Bild im Kopf für die Zukunft in den nächsten, sagen wir mal 5 bis 10 Jahren? Welche Trends oder Entwicklungen hältst Du für besonders vielversprechend?

ME: Ich denke, die Verknüpfung von BIM, der Erfassung der Baustelle, Bilderfassung und Robotik wird ein Trend. Man sieht schon die ersten Roboter auf der Baustelle, z.B. den Jabot von Hilti, oder erste Roboter, die Wände “streichen”. Hier ist, gerade auf 10 Jahressicht, noch einiges möglich.

CK: Das hat Potential für Bauleitung aus dem Wohnzimmer [lacht]. Ne, bleiben wir ernst. Welche Konsequenzen ergeben sich denn durch die fortschreitende Integration von BIM und Real-Time Daten für die verschiedenen Beteiligten? Was würdest Du zum Beispiel jemandem empfehlen, um sich für die Zukunft zu wappnen?

ME: Durch die fortschreitende Integration wird die Baustelle immer effizienter. Das BIM-Modell simuliert den Bauablauf, die Bilderfassung erfasst das IST und mittels intelligenter (KI) Anwendungen wird das GAP [Anmerkung: die Lücke] erfasst und die Baulogistik gesteuert. Das kann gerade für das Bauen im Bestand super interessant sein, weil hier die Baulogistik oft sehr kleinteilig ist.

CK: Das ist eine interessante Vorstellung und hat mit Sicherheit Auswirkungen auf einen Bereich der uns beiden auch sehr wichtig ist. Wie sollte denn die Aus- und Weiterbildung der Anwenderinnen und Anwender gestaltet sein, um den Umgang mit BIM und Real-Time Daten zu ermöglichen bzw. zu verbessern? Gibt es aus Deiner Sicht besondere Herausforderungen oder Best Practices, die Du mit uns teilen möchtest?

ME: Aus- und Weiterbildung sollte sehr praxisnah sein. Ich denke ein guter Mix aus Austausch mit Anderen und gewisser Fokuszeit, um sich in ein Thema, eine Anwendung einzuarbeiten ist wichtig. Beim Austausch empfehle ich die www.Bau-Rockstars.de [lacht]. Hier stellen wir innovative Lösungen vor und versuchen einen praxisbezogenen Austausch zwischen den Softwareherstellern, Planern, Bauherren und Betreibern herzustellen.

CK: Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass die Daten zu jeder Zeit in ein System eingepflegt und analysiert werden, ob in der Ausführung und später auch im Betrieb. Hier sehen viele ein Problem bezüglich Datenschutz und Datensicherheit, insbesondere wenn es um die Verarbeitung und Speicherung von Real-Time Daten geht. Siehst Du da ein Problem?

ME: Persönlich nein. Bei “normalen” Kunden oder Projekten achten wir bei den Anwendungen, die wir nutzen, dass diese DSGVO-zertifiziert sind. Manche Unternehmen haben noch zusätzliche Anforderungen und  IT-Requirements. Die müssen dann beachtet werden.

Wir arbeiten aber auch für Kunden, die Betreiber Kritischer Infrastrukturen, kurz KRITIS, sind. Das werden nach veränderter Gesetzeslage sehr viel mehr, da sich die Einordnung ändert. Zum Glück haben wir bei M&P für diese Themen ein Extra-Team. Die Fragen Richtung IT/OT-Security, Eignung der Anwendung gebe ich an die Kollegen ab [lacht].  

CK: Technologische Transformation ist in der Regel kein Selbstzweck, sondern dient meist einem übergeordneten Ziel. Inwiefern tragen Real-Time Daten zur Nachhaltigkeit und Energieeffizienz von Projekten bzw. Bauwerken bei? Kannst Du uns Beispiele erfolgreicher Implementierungen nennen?

ME: Klar. Wir nutzen in einem Neubauprojekt z.B.  Buchungsdaten des Arbeitsplatzes oder des Besprechungsraumes und die Sensordaten zur Einstellung der Gebäudeautomation. Ganz einfach gesagt; Die Räume werden im Herbst, Winter, Frühjahr per Fußbodenheizung beheizt (Einzelraumregelung). Werden Räume nicht gebucht, werden diese nicht vorgewärmt, sondern erst bei Sensorerfassung erwärmt. Das erzieht auch die Nutzer, Räume zu buchen, da sonst die ersten Minuten etwas kälter sind.

CK: Wir haben ja bereits über die Zukunft von BIM und Real-Time Daten gesprochen. Sagen wir mal, die Reise geht in die Richtung, die wir uns überlegt haben, welche Herausforderungen könnten der breiten Adaption im Weg stehen, und welche Lösungsansätze siehst Du als vielversprechend an?

ME: Technologisch ist alles vorhanden. Übrigens schon seit Jahren. Es gibt nur zwei Herausforderungen. Erste: Anfangen. Zweite: Der Change bei uns.

Viele Menschen verbinden auch Ängste mit dem Einsatz von Technologie, siehe auch die Diskussionen um die KI. Ich glaube wir müssen viel mehr ein Augenmerk auf ein gutes Changemanagement setzen und alle mitnehmen. Sonst bleiben es Leuchtturmprojekte von Nerds.

CK: Veränderung beginnt im Kopf, da gebe ich Dir völlig recht. BIM und Real-Time Daten, das klingt für mich wie ein Win-Win. Bevor wir nun zum Ende kommen, gibt es etwas, was Du den Leserinnen und Lesern gerne noch mit auf den Weg geben möchtest?

ME: Aufgeschlossen sein und einfach erste Dinge ausprobieren. Man braucht kein perfektes BIM-Modell, strukturierte Real-Time Daten. Ich habe das Beispiel mit dem Funk-Feuchtigkeitssensor gegeben. Eine einfache, kostengünstige Lösung, die man sofort einsetzen kann. Bilderfassung auf der Baustelle ist ebenfalls einfach. Man kann das im ersten Schritt auch ohne Verknüpfung zum BIM-Modell und Terminplan nutzen. Ich glaube den ersten Schritt gehen ist das Wichtigste, Bock zu haben weiter zu lernen und, auch wichtig, auch mal was machen dürfen was nicht so gut funktioniert, also ausprobieren dürfen.

CK: Da sprichst Du was ganz wichtiges an. Und gerade beim Dürfen sind dann vor allem die übergeordneten Stellen gefordert. Wollen und Dürfen, das klingt wie ein wunderbares Schlussstatement. Ich bedanke mich herzlich für die Zeit und die Einblicke in ein sehr spannendes und zukunftsträchtiges Thema. Sollten Die Leserinnen und Leser noch Fragen haben, darf ich diese doch sicherlich an Dich weiterleiten?

ME: Ich Danke auch. Die Leser und Leserinnen können mich am einfachsten über www.Bau-Rockstars.de erreichen.

CK:  Dann bleibt mir nur noch Dir weiterhin alles Gute zu wünschen und freue mich auf die nächste Gelegenheit mich wieder mit Dir auszutauschen.

Schlagwörter: Building Information Modeling, Real-Time Daten, Real-Time Data, Digitalisierung, Sensorik, Gebäudeautomation, Facility Management, Bau-Rockstars

Diesen Beitrag zitieren: Karl, C. [Christian K. Karl]. (2024). Im Dialog: Miguel Ebbers über BIM und Real-Time Daten [Blog-Beitrag]. 01.07.2024. BauVolution, ISSN 2942-9145. online verfügbar

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